Lied des Monats September 2014

Herr, dich loben die Geschöpfe (GL 466)


Der Sonnengesang

 

Lied­por­trait von Mein­rad Walter


 

Was wir hier sin­gen, ist eines der berühm­tes­ten Gebete des Chris­ten­tums. Ursprüng­lich waren die Worte auf umbrisch ver­fasst und in alti­ta­lie­ni­scher Spra­che nie­der­ge­schrie­ben, um das Jahr 1225. Den Son­nen­ge­sang hat der Grün­der des Fran­zis­ka­ner­or­dens, Franz von Assisi, in sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren for­mu­liert, und zwar als die poe­ti­sche Quint­es­senz sei­nes Glau­bens und Lebens. Das berühm­teste Gedicht des hei­li­gen Fran­zis­kus als kom­po­nier­tes Gebet in fünf Stro­phen ergibt ins­ge­samt einen stim­mi­gen Spannungsbogen.

Und die Melo­die? Sie könnte man­chen bekannt vor­kom­men aus dem Bereich der angli­ka­ni­schen Kir­chen­mu­sik. Im Inter­net fin­det man ein­drucks­volle Hör­bei­spiele unter dem Stich­wort „Lead uns, hea­venly father“. Sogar bei Trau­ungs­fei­er­lich­kei­ten von bri­ti­schen „Royals“ in der West­mins­ter Abbey ist die schwung­volle Melo­die schon erklun­gen. Sie ist aller­dings nicht eng­li­schen Ursprungs son­dern stammt aus einer Cho­ral­samm­lung des deut­schen Kir­chen­mu­si­kers Fried­rich Filitz. Er hat nicht nur Lie­der gesam­melt, son­dern trat auch mit Schrif­ten zur Erneue­rung der Kir­chen­mu­sik aus dem Geist der Tra­di­tion hervor.

„Herr, dich loben die Geschöpfe“ – für Franz von Assisi kann der Hori­zont des viel­stim­mi­gen Got­tes­lo­bes gar nicht weit genug gefasst wer­den: von den Gestir­nen (Stro­phen 1 und 2) bis zu den sterb­li­chen Men­schen (Stro­phe 5), von den Ele­men­ten der Natur (Stro­phen 2 bis 4: Luft, Was­ser, Feuer und Erde) bis zu „Raum und Zeit“ (Stro­phe 1), den von Kurt Rose neu hin­zu­ge­füg­ten Koor­di­na­ten allen Lebens in Got­tes Schöp­fung. Die innere Zuord­nung, ja Ver­wandt­schaft alles Geschaf­fe­nen kommt zum Aus­druck durch die fami­liäre Anrede als „Schwes­ter“ und „Bru­der“, in stim­mi­ger Abwechs­lung von „frate“ (Bru­der) und „sora“ (Schwes­ter), was in der deut­schen Über­tra­gung frei­lich so nicht mög­lich ist. Im Ita­lie­ni­schen ist näm­lich die Sonne männ­lich (frate sole) und der Mond weib­lich (sora luna), in der deut­schen Spra­che ist es umgekehrt.

Die poetisch-liedhafte Umfor­mung des Son­nen­ge­sangs stammt von Kurt Rose (1908–1999), der als Autor, Leh­rer und Über­set­zer gear­bei­tet hat. Äuße­rer Anlass war 1991/92 eine Aus­schrei­bung der Gesang­buch­kom­mis­sion für das Refor­mierte Gesang­buch der Schweiz. Rose behält den ori­gi­na­len Span­nungs­bo­gen des Son­nen­ge­sangs bei und über­trägt die prei­sen­den Gedan­ken des hei­li­gen Fran­zis­kus fast wort­ge­treu. Durch eine Art poe­ti­scher Raf­fung hat er seine recht wört­li­che Über­tra­gung von ursprüng­lich neun Stro­phen auf fünf Stro­phen gekürzt.

Aus vie­len Quel­len speist sich die­ses Lied. Ent­schei­dend ist, dass am Ende alles zusam­men­passt in die­ser Ver­to­nung des berühm­tes­ten Gebets des hei­li­gen Fran­zis­kus, zu dem es unzäh­lige „Echos“ in Lite­ra­tur, Bil­den­der Kunst und Musik gibt. Der berühmte Son­nen­ge­sang erin­nert an die von Gott gewollte Ein­heit sei­ner guten Schöp­fung, die vom Auf­trag zu ihrer Bewah­rung nie­mals zu tren­nen ist. Die kraft­volle Melo­die bringt einen hymnisch-anglikanischen Akzent ins Got­tes­lob. Vor allem aber unter­stützt sie die Bot­schaft, deren Quint­es­senz am Ende jeder Stro­phe refrain­ar­tig erklingt: „Alle Schöp­fung lobt den Herrn.“



Das Liedportrait von Meinrad Walter ist entnommen aus:

http://gotteslob.eu.dedi266.your-server.de/wp/herr-dich-loben-die-geschoepfe-gl-466/