Lied des Monats Oktober 2015

Du bist das Leben (GL 838)

 

Autor: Thomas Laubach; Text (1. Str.): Thomas Laubach (1988); Text (2.-8. Str.): Winfried Pilz, Thomas Nesgen (1991)

Melodie: Thomas Nesgen (1988)

 


 

„Der Mensch wird am Du zum Ich“, so lautet der Zentralsatz der dialogischen Philosophie des jüdischen Denkers Martin Buber. Ein Satz, der auch als Leitmotiv des Liedes »Du bist das Leben« gelesen werden kann. Denn dieses Lied stellt das »Du« in den Mittelpunkt und will damit auch etwas über das »Ich« und das »Wir« der Menschen sagen. Exemplarisch dafür lässt sich die erste Strophe des Liedes »Du bist das Leben« deuten. Sie wurde von Thomas Laubach (*1964), Theologe und Autor zahlreicher Liedtexte wie etwa »Da berühren sich Himmel und Erde«, als Liedruf für das Hochgebet geschrieben. Der Ruf stammt aus dem Liederzyklus der ökumenischen Messe »... dass noch tausend und ein Morgen wird« (1988).

Der Komponist Thomas Nesgen (*1961), hat dazu eine leicht singbare, zeitlose Melodie geschrieben, die folkige Anklänge besitzt, aber auch ganz klassisch interpretiert werden kann. Der Chorsatz stammt von Thomas Quast (*1962). »Du bist das Leben« ist durch die wiederkehrende Anrede »Du« charakterisiert. Wer mit dem Du angesprochen wird, bestimmt der Liedruf erst mit seinem letzten Wort: „Du bist das Leben – Gott.“

Es ist bezeichnend, dass Gott nicht das erste, sondern das letzte Wort ist. Das ist ein durchaus charakteristischer Zug nicht nur dieses religiösen Liedes. Immer wieder ist bemerkt worden, dass bei vielen Neuen Geistlichen Liedern der Gottesname nicht genannt wird oder nur tastend, zögernd oder sogar verschlüsselt und in Bildern zu Wort kommt. Nicht von ungefähr, denn viele Neue Geistliche Lieder stellen sich in den Strom der jüdisch-christlichen Tradition, die ausgehend vom zweiten Gebot des Dekalogs sehr vorsichtig mit der direkten Anrede an Gott und dem Sprechen über Gott umgeht. Dazu passt, dass Gott bzw. der Gottesname in dem Liedruf »Du bist das Leben« nicht vom Himmel fällt, sondern durch biblisch aufgeladene Begriffe näher bestimmt wird: Brot, Wein und Leben. Auch dadurch ist »Du bist das Leben« ein typischer Vertreter des Genres des Neuen Geistlichen Liedes.

Die Aussagen „Du bist das Brot“ und „Du bist der Wein“ knüpfen in Form und Inhalt an die biblischen »Ich-bin-Worte« Jesu an. Das Johannesevangelium überliefert sieben dieser Ich-bin-Worte. Sie setzen mit der Aussage „Ich bin ...“ ein und erläutern dann näher, was Jesus ist: „das Brot des Lebens“ (Joh 6,35), „das Licht der Welt“ (Joh 8,12), „die Tür“ (Joh 10,7.9), „der gute Hirt“ (Joh 10,11.14), „die Auferstehung und das Leben“ 2 (Joh 11,25), „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) und „der wahre Weinstock“ (Joh 15,1). Auf diese Selbstaussagen reagiert in einer Schlüsselstelle des Johannesevangeliums Simon Petrus. Und zwar mit einer Du-Aussage, die auch das Lied aufgreift: „Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh 6,69)

Brot, Wein und Leben lassen sich so als Bildbegriffe verstehen, die für Jesus selbst stehen. Daneben legt vor allem die Nennung von Brot und Wein in dem Liedruf Assoziationen zu den sogenannten Einsetzungsworten nahe, die Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen Freunden spricht. Übereinstimmend tradieren die biblischen Texte (Mt 26,26-28; Mk 14,22-26; Lk 22,19-20; 1 Kor 11,23-26), dass Jesus das Brot bricht und sagt: „Das ist mein Leib für euch“. Und dass er den Wein mit den Worten austeilt: „Das ist mein Blut.“ Dadurch wird es bis heute möglich, Jesus als das Brot und den Wein im umfassenden Sinne zu bezeichnen.

Brot und Wein werden im Liedruf allerdings näher charakterisiert: „Du bist das Brot, das den Hunger stillt – du bist der Wein, der die Krüge füllt.“ Auch hier klingen biblische Texte an. Der Hunger wird etwa bei der Speisung der Fünftausend gestillt, die mit nur fünf Broten auf wunderbare Weise gesättigt werden (Joh 6,1-13). Als das Mahl beendet ist, sammeln die Jünger zwölf Körbe mit Brotkrumen ein. Eine absurde Menge, angesichts der anfänglichen fünf Brote.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Rede von den gefüllten Krügen, die auf die Hochzeit zu Kana anspielt (Joh 2,1-12). Der Wein geht aus und Jesus wird gedrängt, ein Wunder zu tun. Und Jesus füllt die Krüge – übervoll. Von etwa 600 Litern Wein ist die Rede. Auch hier: eine absurd große Menge für eine normale Hochzeit. Die Überfülle des Brotes und des Weines legen nahe, dass hier symbolisch gesprochen wird. Brot, das Lebensmittel schlechthin, und Wein, Symbol der Lebensfreude und des glückenden Lebens, sind in Jesus in Überfülle vorhanden. In beiden Geschichten geht es also um mehr, als bloß eine konkrete Notsituation. Die überbordende Menge an Brot, die übrig bleibt, und die unfassbare Menge an Wein, die plötzlich den Hochzeitsgästen zur Verfügung steht, weisen darauf hin, dass Jesus selbst das Leben ist – in seiner ganzen Fülle. Dass er den Menschen eine wahrhaft ‚himmlische‘ Nahrung austeilt. Gott sagt den Menschen nicht nur ein Leben in Fülle, in ‚Überfülle‘ an, er macht es in Jesus selbst wahr.

Die biblischen Bezüge sind so keineswegs bloßer Selbstzweck oder religiöse Folklore. Sie verdeutlichen wichtige theologische Überlegungen. Der Liedruf greift gegen eine bloß um das Mysterium kreisende Eucharistiefrömmigkeit einen Grundgedanken des Mahlhaltens Jesu auf. Brot und Wein entfalten ihre Kraft vor allem als Gabe. Jesus versteht sich selbst als Gabe, teilt sich selbst aus. Von daher liegt es nahe, das Austeilen, das Geben als ein Grundcharakteristikum des Christentums zu bestimmen.

Christ sein heißt, auszuteilen, abzugeben, so dass für alle Menschen ein Leben – ein Leben in Fülle – möglich wird. Durch das Austeilen wird, auch in der Eucharistie, die diakonische Dimension christlichen Handelns mitgedacht.  »Hunger« und »leere Krüge« sind im Kontext christlichen Sprechens so doppelt besetzt. Sie weisen auf den realen, lebensbedrohlichen Hunger und Durst von Menschen hin, der Christen herausfordert. Es gibt Hunger auf der Welt, es gibt die vielen ‚ungefüllten‘ Krüge, es gibt die vielfältigen Angriffe auf das Leben. „Du bist ...“ ist vor diesem Hintergrund als Sehnsuchtsruf zu verstehen und zu singen. Diese Sehnsucht umfasst auch die Sehnsucht, die sich nicht mit Essen und Trinken stillen lässt. Sie weist auf den geistigen, spirituellen Hunger und Durst nach Mehr hin. Weist auf die Sehnsucht nach einem Leben in Fülle hin. Insofern trifft der Text nicht einfach nur eine Aussage, sondern enthält auch einen bittendes Aspekt: Sei du das Brot, das den Hunger stillt ...Allerdings ergibt sich aufgrund dieser Überlegungen ein Problem, das bereits angeklungen ist: Der Liedruf endet nicht mit der Zeile „Du bist das Leben, Jesus“, sondern redet Gott an. Das »Du« ist das »Du« Gottes. Damit gibt der Liedtext indirekt allerdings eine Antwort auf die Frage, wie sich überhaupt von Gott reden lässt, wie sich dieses Gegenüber, an das sich viele Texte, Gebete und Lieder richten, überhaupt ansprechen lässt. Es ist ein Problem, um das die jüdischen und christlichen Autoren der Bibel seit mehr als dreitausend Jahren ringen – und das bis heute lebendig geblieben ist.

Der Liedtext legt die implizite Antwort nahe: Es ist Jesus, über den wir von und mit Gott reden können. Gott als das »Du« des Menschen zeigt sich im ‚Bruder‘ Jesus, der Brot, Wein und Leben für die Menschen ist. Gedeckt ist dieser Gedankengang auch dadurch, dass die Basis der jesuanischen Ich-bin-Aussagen eindeutig die alttestamentliche Offenbarungsformel Gottes ist: „Ich bin“ (Ex 3,14). Gott gibt sich in dieser Selbstaussage nach jüdisch-christlicher Lesart zu erkennen, offenbart sich – und macht sich damit auch zu einem Gegenüber, das angesprochen werden kann. Der jüdisch-christliche Gott ist kein ferner Gott, der weitab der Menschen ist, sondern ein Gott, der sich als naher Gott zu erkennen gibt. Diese Nähe zeigt sich auch dadurch, dass Gott in Jesus dem Menschen nahe kommt. Dass an einem solchen Du der Mensch zum Ich werden kann, sich selbst verstehen und deuten kann, das hat Martin Buber eindrücklich betont. Die Melodie dieses einfachen Liedes hilft, die Intention des Rufes zu unterstreichen. Die Aussage „Du bist ...“ könnte als Aussage verstanden werden, die in unangemessenere Weise Gott bzw. Jesus beschreibt und festlegt. Der ruhige Gestus der Musik, die die drei Textgedanken in eigene Melodiebögen fasst, unterstreicht die Nachdenklichkeit des Textes. Die drei Synkopen am Ende der Melodiebögen heben andererseits aber auch das Sehnsüchtige, Drängende des Rufes hervor. Auch die dreimalige Wiederholung der Aussage „Du bist das Leben“ lässt sich in dieser Hinsicht deuten. Die Strophen 2-8 entfalten in weiteren biblisch inspirierten Bildern die Grundgedanken der ersten Strophe. Sie stammen von Winfried Pilz und Thomas Nesgen und wurden für den Ökumenischen Kreuzweg der Jugend »Zärtlichkeit leidet Gewalt« 1991 geschrieben. Dadurch wird aus dem einfachen Liedruf zum Hochgebet ein Lied mit unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten in verschiedenen liturgischen Kontexten.

Peter Gierling, Kirchenmusiker, Tel.: 02173 980124