Lied des Monats Oktober 2014

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott (GL 453

 

Worte: Eugen Eckert; Musik: Anders Ruuth

 

Lied­por­trait von Mein­rad Walter


 

Nichts weni­ger als eine kleine Theo­lo­gie des Segens ent­wirft die­ses Lied in Wort und Ton. Im Hin­ter­grund steht der „Aaro­ni­ti­sche Segen“ aus dem alt­tes­ta­ment­li­chen Buch Numeri, Kapi­tel 6, Verse 22–27: „Der Herr sprach zu Mose: Sag zu Aaron und sei­nen Söh­nen: So sollt ihr die Israe­li­ten seg­nen; sprecht zu ihnen: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Ange­sicht über dich leuch­ten und sei dir gnä­dig. Der Herr wende sein Ange­sicht dir zu und schenke dir Heil.“

Wenn die Gemeinde die­ses Lied anstimmt, dann stimmt sie sich ein auf den Zuspruch des gött­li­chen Segens. „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott“ – die Bitte ist so wich­tig, dass sie jede Stro­phe ein­dring­lich „ein­läu­tet“. Vier Mal wird sie ent­fal­tet.

In der ers­ten Stro­phe geht es um Nah­rung für Leib und Seele. „Sei Quelle und Brot in Wüs­ten­not“ – diese Bitte ist ein Echo auf die Erfah­run­gen des Vol­kes Israel mit Manna (Ex 16) und Was­ser (Ex 17) in der Wüste. Zugleich klin­gen in sym­bo­li­scher Spra­che zwei Sakra­mente an: Taufe („Quelle“) und Eucha­ris­tie („Brot“).

Die zweite Stro­phe beschreibt den Segen poe­tisch als Zuwen­dung. Segen bringt „Wärme und Licht“. Er bleibt nicht anonym, son­dern ist Begeg­nung von Ange­sicht zu Ange­sicht, gerade im Ernst­fall des Lei­dens. Sol­che Zuwen­dung des Seg­nens hat ihr Pen­dant in der Abwen­dung des Bösen (3. Stro­phe), das in die­sem Lied nicht ver­schwie­gen wird. Erlö­sung und Frie­den sind zwei Worte für das eine Ziel, das die Bibel „Reich Got­tes“ nennt. Ist es schon da oder steht es noch aus? Dar­auf ant­wor­tet die letzte Stro­phe: Das „Leben in Fülle“, das uns im Segen zuge­spro­chen wird, steht noch aus – und ist doch schon da als Ver­hei­ßung – ver­bürgt vom Hei­li­gen Geist und in die­sem Geist zu ver­ste­hen, ja zu ergreifen.

Im Rück­blick wird der drei­fa­che Auf­bau des Lie­des deut­lich: Die erste Stro­phe besingt Gott den Vater, die zweite und dritte nen­nen den Sohn, der das Lei­den mit­trägt und das Böse abwehrt; doch erst der Geist „um uns“ führt uns in diese Wahr­heit ein. Mit die­sem tri­ni­ta­ri­schen Rhyth­mus über­trägt Eugen Eckert, der Ver­fas­ser der Worte, die abschlie­ßende Segens­for­mel „das gewähre euch der drei­ei­nige Gott“ auf das gesamte Lied.

Die­ser innere Span­nungs­bo­gen legt es nahe, gerade die­ses Lied immer ganz zu sin­gen und keine Stro­phe auszulassen.

Dass es in Moll steht, macht das Segens­lied kei­nes­wegs kraft­los. Die Melo­die schuf der schwe­di­sche Theo­loge Anders Ruuth um 1968 in Bue­nos Aires. Inspi­riert war er dabei von argen­ti­ni­scher Volks­mu­sik und von Tango-Klängen. Der ruhig schwin­gende Drei­er­takt wird durch eine Syn­kope am Ende des ers­ten Sat­zes belebt, die nicht hek­tisch oder eckig klin­gen darf. Das Lied kommt aus der Tiefe. Melo­disch und har­mo­nisch öff­net sich der erste Teil erwar­tungs­voll bit­tend, nach­dem der Ton­raum einer gan­zen Oktave von unten nach oben durch­schrit­ten ist. Der zweite Teil weist dann von oben nach unten, was durch die Wie­der­ho­lung noch ver­stärkt wird.

Nichts ande­res ist der Segen: zunächst die Bitte aus der Tiefe, dann der Zuspruch aus der Höhe, denn „der Segen kommt von oben“. Des­halb führt die erste Stro­phe von „unsern Wegen“ bis zu „dei­nem Segen“. Die letzte Stro­phe schlägt dann die andere Rich­tung ein: Der Segen ent­lässt uns, auch auf neue Wege.

 


Das Liedportrait von Meinrad Walter ist entnommen aus:

http://gotteslob.eu.dedi266.your-server.de/wp/bewahre-uns-gott-behuete-uns-gott-gl-453/