Lied des Monats Februar 2015

Du rufst uns, Herr, an deinen Tisch (GL 146)

 

Worte: Johannes Jourdan (1969)
Musik: Andreas Lehmann (1969)


Liedportrait von Meinrad Walter



Die „Karriere“ eines Liedes kann sehr verschieden sein. Manche Gesänge bleiben unentdeckt, andere sind sofort erfolgreich, einige werden rasch bekannt und sind auch bald wieder vergessen. Das Lied „Du rufst uns, Herr, an deinen Tisch“ findet erst spät, fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, in den Stammteil eines Gebet-und Gesangbuches. Johannes Jourdan (geb. 1923), Autor zahlreicher Liedtexte, hat sich als evangelischer Gemeindepfarrer in Darmstadt (1952-1986) sehr engagiert für Jazz und Popularmusik in der Kirche eingesetzt. Dabei hat er mit vielen Musikern zusammengearbeitet.


In diesem Lied heißt seine Frage: Wie können wir Menschen singend und in heutiger Sprache an das „Herrenmahl“, das Sakrament von Brot und Wein, heranführen? Der Komponist Andreas Lehmann – er war Kirchenmusiker in Karlsruhe und Hannoverschmünden – unterstützt ihn musikalisch bei der vierstrophigen Antwort auf diese wichtige Frage. Das Lied ist ein komponiertes Gebet. Angesprochen, insgesamt 12 Mal, ist der „Herr“, der dieses Mahl gestiftet hat. Er ruft uns (Strophen 1 und 4) und wir kommen (Strophen 2 und 3), indem wir sein einladendes Wort aufgreifen: „Herr, dein Wort ist die Kraft ...“.


Dabei klingt fast kontrapunktisch der Zusammenhang von Mahl (Altar) und Wort (Ambo) auf. Es geht um das Mahl, aber besungen wird zugleich Jesu Einladung in seinem Wort. Das Lied insgesamt ist die Antwort. Es bringt in einem gelungenen Spannungsbogen über alle Strophen hinweg die wichtigen Motive der Verkündigung Jesu.

Die erste Strophe erinnert an Jesu Abendmahl, das wir in „liturgischer Gleichzeitigkeit“ feiern, verschweigt aber auch das schwierige Wort „Opfer“ nicht. Nicht nur damals hat Jesus Wein eingeschenkt. Er tut dies für uns, hier und heute: „Du schenkst uns selber ein“. Im Refrain klingt „das Neue“, ein Zitat aus dem Lukasevangelium: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20). Die zweite Strophe bedenkt und besingt „Verlorenheit“ und „Versöhnung“. Christus, der die Tür nicht nur öffnet, sondern sagt „Ich bin die Tür“ (Johannes 10,9), er hat neue Wege zu Gott beschritten und ruft uns in seine Nachfolge.

In der dritten Strophe wird das Mahl zum Auftrag, die Sammlung wird zur Sendung. Nun klingt der Friedensgruß an, der zur Tischgemeinschaft dazu gehört. Die letzte Strophe konkretisiert das „Gebot“ aus der dritten zum Liebesgebot und begründet das mit Jesu Botschaft: Er sitzt mit uns am Tisch in Gestalt der Armen und Bedrängten. Das Mahl drängt gleichsam aus dem Kirchenraum hinaus. Christus begegnet uns „in jedem, der uns braucht“. Im Hintergrund stehen Bibelstellen wie Matthäus 25,40: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Auch an die Fußwaschung Jesu dürfen wir denken und dieses Lied etwa am Gründonnerstag singen. Die biblisch inspirierten Worte von Johannes Jourdan öffnen viele Horizonte.

Die Musik reißt gleich zu Beginn den Tonraum einer Oktav auf, als ob „der Herr“ mit großer Geste in Richtung des Tisches zeigt, zu dem er ruft. Die erste Liedhälfte ist zweiteilig mit vier Zeilen in der Abfolge von ab/a-b;die zweite ist ähnlich aufgebaut, tauscht aber die Motive: b‘-a‘/b‘-a‘. Daduch lässt sich das Lied leicht in Vorsänger/Schola und Alle mit jeweils viertaktigen Abschnitten einteilen. Bei der Einführung ist zudem der organische Übergang zwischen Vorspiel und Strophe wichtig, damit der „Einstieg“ auf den drei Achtelnoten gelingt.