Lied des Monats April 2015

Jerusalem, du neue Stadt (GL 338)

Lied des Monats zur Osterzeit

 

Worte: Fulbert von Chartres (gest. 1029); Übersetzung: Münsterschwarzach
Musik: Heinrich Schütz (1661)


Liedportrait von Meinrad Walter


 
Ful­bert von Char­tres, ein gelehr­ter Bischof des 11. Jahr­hun­derts (Gedenk­tag am 10. April), und der früh­ba­ro­cke pro­tes­tan­ti­sche Kom­po­nist Hein­rich Schütz sind die Auto­ren die­ses öster­li­chen Lie­des. Im Mit­tel­punkt steht das himmlisch-jubelnde Jeru­sa­lem als wahrhaft klang­vol­les Thema.
Gleich die zweite Lied­zeile „Gib dei­nen Lie­dern neuen Klang“ ist eine treff­li­che Umschrei­bung für das Can­ti­cum novum, das im Alten und Neuen Tes­ta­ment ver­hei­ßene neue Lied. Dabei darf man zuerst an die Psal­men den­ken mit ihrer Auf­for­de­rung „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (Psalm 98), ebenso aber auch an die Offen­ba­rung des Johan­nes. In die­sem letz­ten Buch des Neuen Tes­ta­ments stimmen die Erlös­ten in der end­zeit­li­chen Stadt Jeru­sa­lem das neue Lied an. „Ohne Ende“ erklingt es an Got­tes Thron.
In der Oster­zeit, dem christ­li­chen Fest schlecht­hin, ertönt schon ein Prä­lu­dium zu die­sem ewi­gen Lied. Warum? Weil die „reine Freude“ am Fest aller Feste nicht ohne Musik auskommt.
Die zweite Stro­phe bin­det ver­schie­dene Motive der Auf­er­ste­hung zu einem bun­ten Oster­strauß. Zunächst geht es um den Sieg der Aufer­ste­hung, und zwar im Rück­griff auf die Oster­se­quenz „Vic­timae paschali lau­des“ mit ihrer Kampf­the­ma­tik: Chris­tus ist der sieghafte Löwe. Dem nament­lich nicht bekann­ten Über­set­zer aus dem Bene­dik­ti­ner­klos­ter Müns­ter­schwar­zach fließt eine For­mu­lie­rung in die Feder, die den Löwen („leo“ im latei­ni­schen Ori­gi­nal) zum „Hel­den“ wer­den lässt: „Der Held aus Juda siegt mit Macht“ – so heißt auch der fan­fa­ren­hafte Mit­tel­teil der Alt-Arie „Es ist voll­bracht“ in Johann Sebas­tian Bachs Johan­nes­pas­sion. Drit­tens klingt die Theolo­gie des Kar­sams­tags an, wie die Ost­kir­che sie kennt und wie sie auch auf vie­len Bil­dern zu sehen ist: Chris­tus steigt in die Unter­welt hinab, um die Toten her­auf­zu­ru­fen ins neue Leben. Im Übri­gen ist der gesamte, ursprüng­lich latei­ni­sche Hym­nus, des­sen Ver­fas­ser Ful­bert von 1006 bis 1029 Bischof in Char­tres war, von ost­kirch­li­chen Ein­flüs­sen geprägt.
Die dritte Stro­phe beschreibt Ostern aus der Per­spek­tive der Erlös­ten. Als Befreite fol­gen sie Jesus nach. Das meint, dass alle, die Jesus bis zum Kreuz gefolgt sind, ihm auch in die Herr­lich­keit fol­gen. Got­tes Reich kennt keine Gren­zen, weder räum­lich noch zeitlich. Es eint Him­mel und Welt, und es dau­ert ewig. Mit einem tri­ni­ta­ri­schen Lob­preis, der als ers­tes Christi Grab und Auf­er­ste­hung nennt, schließt die­ser Hym­nus, des­sen ori­gi­na­ler Titel „Cho­rus novae Jeru­sa­lem“ heißt: Der Lob­ge­sang des neuen Jerusalem.
Doch wel­che Melo­die passt zu die­sem mit­tel­al­ter­li­chen Hym­nus? Das Got­tes­lob ent­schied sich für eine schwung­volle Musik mit protestantisch-barockem Ursprung. Der Kom­po­nist ist Hein­rich Schütz (1585–1672), des­sen geist­li­che Kom­po­si­tio­nen die Luther-Bibel in Musik „über­set­zen“ und zugleich jener Affekt­schil­de­rung ver­pflich­tet sind, die damals zu den neu­es­ten Errun­gen­schaf­ten der italie­ni­schen Opern zählte. Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung als Dresd­ner Hof­ka­pell­meis­ter und einer tie­fen exis­ten­zi­el­len „Betrüb­nis“ durch den Tod sei­ner Frau hat Schütz ver­sucht, aus den bib­li­schen Psal­men „Trost zu schöp­fen“. So hat er den gesam­ten deut­schen Reimps­al­ter von Cor­ne­lius Becker vier­stim­mig in Musik gesetzt. Diese Arbeit nennt er die „Trös­te­rin mei­ner Traurigkeit“.
Die dem Hym­nus „Jeru­sa­lem, du neue Stadt“ zuge­ord­nete Melo­die gehört bei Schütz zum 150 Psalm „Lobt Gott in sei­nem Hei­lig­tum“, ist also die letzte sei­nes „Becker-Psalters“. Das musi­ka­li­sche Motto des Hym­nus „… gib dei­nen Lie­dern neuen Klang“ stammt aus der Offen­ba­rung des Johan­nes: „Und sie san­gen ein neues Lied vor dem Thron …“ (Offen­ba­rung 14,3). Mit die­sem end­zeit­li­chen Lied schließt sich der Kreis zu Psalm 150, des­sen vier­ten Vers Cor­ne­lius Becker so über­setzt: „Lobet den Her­ren mit Gesang / und lasst her­gehn der Pau­ken Klang, / die Sai­ten lieb­lich klin­gen drein / mit Pfei­fen fröh­lich in den Reihn.“
Eine Kurz­for­mel all die­ser Worte und Klänge ist – in den Psal­men wie in der Offen­ba­rung des Johan­nes – der jüdisch-christliche Jubelruf „Hal­le­luja“. Auch er lässt sich auf unsere Melo­die sehr gut sin­gen, etwa als Zwi­schen­vers oder zum Abschluss der öster­li­chen Strophen.